Eigene Erfahrungen mit dem Staffordshire Bullterrier

Eigene Erfahrungen mit dem Staffordshire Bullterrier

Der Kinderhund

Das vor allem der Staffordshire Bullterrier in Großbritannien die Spitznamen „Nursemaid“, „Chlidren’s Nanny“ oder „Nanny dog“, was soviel wie Kindermädchen heißt, nicht umsonst trägt, kann ich auch an ein paar Beispielen belegen.

Wir hatten in unserer Familie über insgesamt 26 Jahre lang zwei Staffordshire Bullterrier (von 1971 bis 1997), die beide durch ihre Liebenswürdigkeit gegenüber allen Menschen (auch und gerade gegenüber Fremden!) auffielen. Wir hatten diese Hunde also angeschafft bevor (!) es irgendeine Diskussion über Kampfhunde gab, bzw. bevor diese Rasse in Deutschland überhaupt wirklich bekannt war! Und das auf Grund der positiven Erfahrungen meines Vaters mit den Hunden, die er während seiner Zeit als Entwicklungshelfer in Sambia bei einer Familie kennen gelernt hatte. Diese Familie hatte ihre Staffies als Babysitter eingesetzt. Sie ließen niemanden (außer die Eltern) an die Kinder ran (was in einem afrikanischen Land durchaus Sinn macht) und wenn eine Schlange auftauchte, trugen sie die Kinder an den Windeln an einen sicheren Ort. Mein Vater bekam dann auch den ersten Staffy von einem Tierarzt geschenkt.

Das war Mickey.

Mickey

Mickey

Er wurde meinem Vater Anfang der 1970er während seiner Zeit als Entwicklungshelfer in Sambia geschenkt und wurde bei beruflich bedingten Auslandsaufendhalten meines Vaters (und damit oft auch unserer Familie) bei meiner Großmutter untergebracht. Der Rüde (!) hat mit sieben Jahren zum ersten mal Kontakt mit Kindern bekommen und trotzdem hatten diese Narrenfreiheit bei ihm. Da meine Cousine in Tränen ausbrach, als er nach einer unserer Auslandsaufenthalte wieder zu uns sollte, blieb er dann dort.

Er musste für alles mögliche herhalten. Und wenn meine Cousine schlechte Laune hatte und mit einem Schlappen nach ihm warf, hat er sich nur verkrümelt; fünf Minuten später hat er dann wieder mit ihr geschmust und wenn es ihm zu bund wurde, hat er sich brummelnd zurückgezogen.

Mickey war auch aus irgendwelchen Gründen dem Bier so zugetan, dass er sich in einer Kneipe in die Ecke gesetzt und gewartet hat, bis ein unachtsamer Gast auf die Toilette gegangen ist. Dann ist er auf einen Barhocker gesprungen und hat, zur Freude des Wirtes und der umstehenden, das Bier des unpäßlichen Gastes genossen. Die, die nichts davon wussten, haben sich über das süffige Bier gewundert und die übrigen Gäste haben darauf geachtet nur nach dem Genuss das „Stille Örtchen“ aufzusuchen. Es hat eine ziemliche Weile gedauert, bis wir darauf gekommen sind, wo er steckte, wenn er mal abgehauen war – in der Kneipe um die Ecke.

Er starb im Alter von 15 Jahren an Altersschwäche und uns sind keine Zwischenfälle aus den 15 Jahren bekannt.

Trixi.

Trixi

Trixi

Sie war ein reinrassiges Staffie-Mädchen aus Mittelengland – laut Papieren hieß sie „Electric Enny“- daraus wurde dann Trixi. Ich bin selber mit vor allem Trixi aufgewachsen, da wir sie bekommen haben, als ich 3/4 Jahr alt war und sie eingeschläfert werden musste, als ich knapp 17 war. Zeitlebens  hat sie sich von uns Kindern alles gefallen lassen und das mit einer Engelsgeduld!

Die schwersten Vergehen dieses Hundes bestanden darin, daß er sich einmal selbst hat klauen lassen (wir mußten dann 600 SF Lösegeld für sie bezahlen!), ist mehrmals im Auto gewesen als es aufgebrochen wurde und hat entweder zitternd unter dem Sitz gesessen oder die ganze Aktion verschlafen.

Kinder konnten mit ihr wirklich alles machen und sie hat ALLES über sich ergehen lassen ohne jemals zu knurren oder gar zu beißen. Vielmehr waren wir für sie gefährlicher als sie für uns. Als ich drei Jahre alt war, habe ich sie mal in die Nase gebissen, weil sie nicht so wollte wie ich. Selbst da hat sie nichts gemacht – im Gegenteil, sie lies sich noch mehr gefallen. Sie musste als Reit- und Zugtier genau so herhalten, wie als Anziehpuppe und Zirkustier. Das arme Tier! Sie liebte uns dennoch aber heiß und innig und war immer dort, wo auch wir Kinder waren, ein „Kinderhund“ eben. Einzig Katzen konnte sie nicht leiden, nachdem einige Katzen unsere – Pardon „Ihre“ – Junghühner gerissen hatten – das nahm sie irgendwie persönlich und vergaß es auch nicht mehr.

Als sie Mitte der 1990er älter wurde und auch mal zum Tierarzt musste, staunten die entsetzten anderen Patientenbesitzer nicht schlecht, als die Praxenzugehörigen freudestrahlend auf uns zu kamen und den „Kampfhund“ als ihren „Betthund“ begrüßten. Sie hieß dort irgendwann so, nachdem sie – sie musste nach einer OP zur Beobachtung mal eine Nacht dort bleiben – es bei dem Tierarzt durchgesetzt hatte mit ins Bett zu kommen. Wie sie auf die Idee kam, ist uns immer schleierhaft geblieben, weil sie sich bei uns nur im (gefliesten) Wohnbereich aufhalten durfte und davon NIE eine Ausnahme gemacht wurde! Aber sie wusste, wie sie mit Menschen umgehen musste und schaffte es auch, dass Menschen, die sonst Panik vor Hunden hatten, diesen Hund liebten. Aber nicht nur die, sondern fast die gesamte Nachbarschaft, die sie dann auch mit Leckereien versorgte, weil sie es immer wieder schaffte, den Menschen trotz ihrer zeitweilig 26 kg (!) glaubhaft zu versichern, dass sie kurz vorm Verhungern stünde.

Ihre Lieblingsspeise waren Möhren, Himbeeren und Erdbeeren, was zur Folge hatte, dass wir davon in Reichweite des Hundes keine mehr im Garten hatten. Die Möhren hatte sie – wohl nach unserem Vorbild – vorsichtig mit den Zähnen aus der Erde gezogen und sauber das Grün abgetrennt, um den Rest zu fressen. Wir Kinder haben für das abgenagte Grün die Schimpfe kassiert, da unsere Mutter unseren Geschichten nicht glauben konnte, bis sie es einmal selber gesehen hat!

Trixi musste mit 16 Jahren wegen Krebs und etlicher Metastasen im Bauchraum eingeschläfert werden.

Buchtipp:

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