Insektensterben – die Datenlage macht nachdenklich

Wer noch Zweifel hat; die Insekten nehmen weiter ab. Dies zeigt auch die jüngste Studie.

Unter den 6.921 ausgewerteten Insektentaxa (Arten und Unterarten) der aktuellen Roten Listen Deutschlands wurde bei insgesamt 23 % (1.559 Taxa) der kurzfristige Bestandstrend (letzte 10 bis 15 Jahre) als abnehmend eingestuft. Dem gegenüber wurden nur 4 % (268 Taxa) im kurzfristigen Bestandstrend als zunehmend klassifiziert. 

Ries, M., Reinhard, T., Nigmann, U. & Balzer, S. (2019) Analyse der bundesweiten Roten Listen zum Rückgang der Insekten in Deutschland. Natur und Landschaft, 94, 232–244.

Bedenklich ist das nicht nur, weil Insekten zahlreiche Ökosystemleistungen von der Bestäubung bis zur Zersetzung organischer Biomasse bieten, sondern auch, weil sie an der Basis des Ökosystems sind und Nahrung für viele Vögel und andere Tiere darstellen.

Literatursammlung zum Schwinden der Artenzahl und der Biomasse

Die Literatursammlung beschäftigt sich sowohl mit dem Rückgang der Biomasse der Insekten (die auch aus wenigen Arten bestehen kann), als auch mit dem Rückgang der Artenzahl insgesamt, also mit der Biodiversität, die wiederum symptomatisch ist für die abnehmende Strukturvielfalt in unserer Kulturlandschaft – also sowohl in Argar-, Forst und Siedlungsgebieten.

  • Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (2007) Immer mehr Tagfalter sterben aus. Naturschutz und Landschaftsplanung, 39, 383.
  • Balzer, S. & Züghart, W. (2019) Instrumente der Datenerhebung und Handlungsfelder zur Verbesserung der Datenlage zu Insekten und Naturschutz. Natur und Landschaft, 94, 294–298.
  • Fartmann, T., Poniatowski, D., Stuhldreher, G. & Streitberger, M. (2019) Insektenrückgang und -schutz in den fragmentierten Landschaften Mitteleuropas. Natur und Landschaft, 94, 261–270.
  • Guggolz, E. (2014) Pflanzenschutzmittel Neonicotinoide: Nicht nur für Bienen giftig. (idw). https://idw-online.de/en/news610691.
  • Hansjürgens, B., Schröter-Schlaack, C. & Settele, J. (2019) Zur ökonomischen Bedeutung der Insekten und ihrer Ökosystemleistungen. Natur und Landschaft, 94, 230–235.
  • Kissling, S. (2011) Bedeutung des Biotopverbunds für die Zielart Esparsetten-Widderchen. Zygaena cariolica in der Region Hegau – Randen – Klettgau. Naturschutz und Landschaftsplanung, 43, 46–54.
  • Mason, R., Tennekes, H., Sánchez-Bayo, F. & Jepsen, P.U. (2013) Immunsuppression durch neonikotinoide Insektizide an der Wurzel des globalen Rückgangs bei Wildtieren. Journal of Environmental Immunology and Toxicology, 2013, 3–12.
  • Ries, M., Reinhard, T., Nigmann, U. & Balzer, S. (2019) Analyse der bundesweiten Roten Listen zum Rückgang der Insekten in Deutschland. Natur und Landschaft, 94, 232–244.
  • Scherber, C., Reininghaus, H., Brandmeier, J., Evrewald, G., Gagić, V., Greiwe, T., et al. (2019) Insektenvielfalt und ökologische Prozesse in Agrar- und Waldlandschaften. Natur und Landschaft, 94, 245–254.
  • Schmitt, T. (2019) Insektenvielfalt und ihre Funktion in Ökosystemen. Natur und Landschaft, 94, 222–229.
  • Schuch, S., Meyer, S., Bock, J., van Klink, R. & Wesche, K. (2019) Drastischer Biomasseverlust bei Zikaden verschiedener Grasländer in Deutschland innerhalb von sechs Jahrzehnten. Natur und Landschaft, 94, 141.
  • Seibold, S., Gossner, M.M., Simons, N.K., Blüthgen, N. & Müller, J. (2019) Arthropod decline in grasslands and forests is associated with landscape-level drivers. Nature, 574, 671–692. Settele, J. (2019) Bestandsentwicklungen und Schutz von Insekten – Analysen und Aussagen des Weltbiodiversitätsrats (IPBES). Natur und Landschaft, 94, 299–303. www.nature.com/articles/s41586-019-1684-3.epdf
  • Sorg, M. (2013) Ermittlung der Biomassen flugaktiver Insekten im Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch mit Malaise Fallen in den Jahren 1989 und 2013. Mitteilungen aus dem Entomologischen Verein Krefeld, 2013, 1–5.
  • Sorg, M., Ssymank, A. & Hörren, T. (2019) Bestandsrückgänge von Insekten in Schutzgebieten – bisherige Erkenntnisse aus einem laufenden Forschungsprogramm. Natur und Landschaft, 94, 255–260.
  • Swarowsky, K., Matezki, S., Frische, T. & Wogram, J. (2019) No Insect-Respect – Eine kritische Analyse der Risikobewertung und -regulierung von Pflanzenschutzmitteln vor dem Hintergrund des Insektenrückgangs. Natur und Landschaft, 94, 271–278.
  • Thiele, V. & Hoffmann, T. (2017) Quo vadis Moorfalter? Klimatische Präferenzen von tyrphobionten und tyrphophilen Arten nährstoffarmer Moore bezüglich Temperatur und Niederschlag im Kontext des Klimawandels. Naturschutz und Landschaftsplanung, 49, 181–187.
  • Waltz, M. (2018) Artensterben und Ökosysteme Das Gefüge zerfällt. Deutschlandfunk Kultur.www.deutschlandfunkkultur.de/artensterben-und-oekosysteme-das-gefuege-zerfaellt.976.de.html?dram%3Aarticle_id=432464.

Lösungsansätze

  • Aßmann, T., Buse, J., Drees, C., Homburg, K. & Nolte, D. (2019) Was tun gegen das Insektensterben? Empfehlungen für naturschutzfachlich wertvolle Flächen. Natur und Landschaft, 94, 289–293.
  • Boecking, O. & Kubersky, U. (2010) Förderung von Wildbienen in Heidelbeerkulturanlagen. Natur in NRW, 16–20.
  • Handke, K., Otte, A. & Donath, T.W. (2011) Alternierend spät gemähte Altgrasstreifen fördern die Wirbellosenfauna in Auewiesen -Ergebnisse aus dem NSG ‘Kühlkopf-Knoblochsaue’. Naturschutz und Landschaftsplanung, 43, 261–270.
  • Kampmann, D., Herzog, F. & Konold, W. (2007) Heuschreckenschutz im Berggrasland. Naturschutz und Landschaftsplanung, 39, 149. Müller, M. & Bosshard, M. (2010) Altgrasstreifen fördern Heuschrecken in Ökowiesen – Eine Möglichkeit zur Strukturvervesserung in Mähgrünland. Naturschutz und Landschaftsplanung, 42, 212–216.
  • Oppermann, R., Buhk, C. & Pfister, S. (2019) Handlungsperspektiven für eine insektenfreundliche Landnutzung. Natur und Landschaft, 94, 279–288.

2 thoughts on “Insektensterben – die Datenlage macht nachdenklich

  1. Moin Anika,
    vielen Dank für deinen Einsatz auch für die Insekten. Doch mag ich nicht glauben, dass die Biomasse aller Insekten abnimmt. Denn danach wird nicht gesucht. Etliche der aufgeführten Arbeiten gelten in der Landwirtschaft als Schädlinge, entweder im Larvenstadium oder als adultes Insekt Oder sie tragen zu gesundheitlichen Problemen bei und werden deshalb rigoros bekämpft, wie zum Beispiel Mücken und deren Larven inkl. der Kollateralschäden. Oder der private Garten, und damit ist immerhin ein nicht zu verachtender Anteil an Insektenfördender Grünfläche, wird so sauber gehalten, dass es auch Insekten kaum möglich ist dort ihr Auskommen zu finden. Oder aber der urbane Raum als solcher, der immer noch möglichst Blühflächen frei gestaltet wird. Da bilden die Opfer des Autoverkehrs und der Windkraftfraktion eher nachrangige Verluste. Aber gerade die Landwirtschaft wird pauschal für einen Großteil der Verluste verantwortlich gemacht. Angeführt wird hier besonders das Glyphosat, als alles vernichtender Teufel beschworen, das Fehlen von Ackerrandbereichen, Knicken, Feldrainen, und so weiter. Das mag zu einem Teil stimmen. Insbesondere dort wo die Schläge immer größer werden und dort auch zur Versteppung oder sogar Verwüstung der Landschaft beitragen. Dort muss sicherlich etwas geschehen. Doch nicht bei dem Großteil der Landwirte, welche auf kleinparzelligen Höfen kaum in diese Raster passen.

    Das BfN folgt in seiner Argumentation zu sehr den Argumenten diverser Naturschutzorganisationen ohne selbst tätig zu werden. Man folgt diversen regionalen und/oder selektiven Studien und entwickelt daraus ein Horrorszenario ohne Lösungen an zu bieten. Die Absichtserklärungen sind dabei nicht wirklich hilfreich, obwohl in Teilen durchaus löblich. So lange es allerdings nur bei diesen bleibt, hilft es unserer Insektenwelt nur wenig.

    Vielleicht sollten wir zunächst differenziert ausarbeiten, was wir wollen und was wir nicht wollen. Was allerdings äußerst schwierig wird. Denn kein Vorteil ohne Nachteil. Oder keine Ursache ohne Wirkung in beide Richtungen.

    Ich empfehle hierzu eine lesenswerte Meinung eines deiner Kollegen: https://www.bauerwilli.com/weniger-insektenmasse-aber-mehr-vielfalt-gut-so/

    Liebe Grüße

    Karsten Schürmann

    1. Moin Karsten,
      du schreibst, dass das BfN in seiner Argumentation div. Naturschutzorganisationen folgt, ohne selbst tätig zu werden. Die Arbeit (oder Nicht-Arbeit) des BfN stand mit der Literatursammlung an dieser Stelle nicht für mich zur Debatte. Mir geht es darum , wissenschaftlich belastbares Informationsmaterial zu finden, bzw. anderen zugänglich zu machen.
      Nun das hier sind nun wissenschaftliche Ausarbeitungen aus der wissenschaftlichen Fachpresse. Sprich in den Arbeiten werden Arbeitsmethoden etc. dargestellt, die diese Arbeiten überprüfbar machen. Die Schlussfolgerungen obliegen dann dem Autor bzw. dem Leser, der das Ganze ruhig hinterfragen darf (und sollte). Und ja, es sind Arbeiten dabei, die sowohl die Biomasse, als auch die Biodiversität betrachten. Leider geht offensichtlich beides bergab! Ich habe die Literaturliste entsprechend wieder ergänzt (und werde es auch weiter tun). Denn ich finde, dass derartige wissenschaftliche Ausarbeitungen wichtig sind, um sachlich zu diskutieren und Lösungen zu finden.
      Mag auch sein, dass der eine oder andere Organismus als Larve oder Imago als Schädling zu klassifizieren ist, allerdings sind derartige Organismen, weil häufig anzutreffen, auch gute Indikatoren. Eine Ausarbeitung, wie du sie vorschlägst, auf Grund des wissenschaftlichen Wissensstand macht sicher Sinn, zumal auch sehr interessante Untersuchungen dabei sind, die Überlegungen anstellen, wie der ökonomische Wert der Vielfalt zu beziffern (und zu fördern) ist, was ja für die Landwirtschaft auch nicht unwichtig ist.
      Glyphosat hin oder her, ist doch auch die Frage, warum ein Pflanzenschutzmittel „bienenfreundlich“ gelten darf, wenn es in 24 Stunden nur die 50 % der Bienen tötet. Diesen Begriff halte ich für irreführend (auch für den Anwender, der vielleicht glaubt, damit die Bienen zu schonen!). Das sind Punkte, die sicherlich zu hinterfragen sind.
      „Bauer Willi“ halte ich oft nicht für hilfreich in der Diskussion zu defensiv und zu wenig sachlich (auch wenn der zitierte Beitrag nicht schlecht ist). Und er schreibt selbst, wo der Hund (für die Landwirtschaft) begraben ist: „Wachsen oder Weichen“ und eigentlich wäre es doch im Interesse der Landwirtschaft, dass sich dieser Trend nicht bis zum bitteren Ende fortsetzt (dann haben wir hier bald Betriebsgrößen wie in den USA oder Südamerika), sondern, dass der ländliche Raum gestärkt wird und sich die wertvolle Arbeit der (jetzt noch verbliebenen) Betriebe weiter lohnt. Denn es sollte auch jedem klar sein, dass mit der fehlenden Diversität der Betriebe (jeder wirtschaftet anders) auch die Biodiversität weiter abnehmen wird…
      Viele Grüße
      AB

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