Von Tobias Böckermann: Spahnharrenstätte. Der Wolf bereitet den Schäfern an Ems und Vechte zunehmend Sorgen. Am Samstag hat ein Tier in Spahnharrenstätte eine Schafherde angegriffen – es könnte ein Wolf gewesen sein.

Die Stimmung unter den Schafhaltern im Hotel Pöker in Meppen ist zunächst ganz gut am Dienstagabend. Der Vorsitzende des Landes-Schafzuchtverbandes, Heiko Schmidt, und Zuchtberater Michael Gertenbach, berichten über züchterische Erfolge des Jahres 2017. Unter anderem waren Georg Steenken aus Werpeloh sowie Birgit und Christof Böving aus Haren mit ihren Bentheimer Landschafen beziehungsweise Weißen Gehörnten Heidschnucken sehr erfolgreich gewesen.

Außerdem war Helmut Melbaum aus Haselünne beim Export von annähernd 300 Zuchtschafen aus dem Weser-Ems-Gebiet in zehn verschiedene Länder innerhalb und außerhalb der EU maßgeblich als Veterinär und auch Züchter beteiligt gewesen. Auch die Bock-Auktionen liefen gut.

Fünf Schafe tot

Aber ob das so weitergehen könne, daran hatten Michael Gertenbach und Heiko Schmidt dann Zweifel. Schuld daran sei der Wolf, der sich in Niedersachsen rasant ausbreite. 14 Rudel und mehrere Einzeltiere haben sich inzwischen angesiedelt, und der Bestand wächst um 30 Prozent pro Jahr – jedenfalls so lange, bis alle potenziellen Lebensräume besetzt sind. Das Problem: Wölfe fressen Schafe und zunehmend auch Rinder, wenn sie ihrer habhaft werden können.

Auch im Emsland leben Wölfe – wie viele derzeit genau, das ist unklar. Und noch ist es im Emsland und in der Grafschaft nicht zu größeren Übergriffen auf Nutztierherden gekommen – die vom Land Niedersachsen geführte Statistik weist nur im Juni 2015 ein in Neusustrum vom Wolf gerissenes Schaf aus. Weitere Verdachtsfälle konnten nicht bestätigt werden.

Aber nun hat möglicherweise ein Wolf am vergangenen Samstag in Spahnharrenstätte drei Schafe in der Herde von Wilhelm Schütte getötet und zwei so schwer verletzt, dass sie eingeschläfert werden mussten. Acht weitere Tiere sind in Panik davongelaufen und nicht wieder aufgetaucht.

Schäfer Schütte besitzt rund 1000 Schafe, 800 davon stehen an der Mercedes-Teststrecke in Papenburg, und bei ihnen passt auch Schüttes Herdenschutzhund auf, den er aus Sorge vor dem Wolf angeschafft hatte. „Die Schafe sind hochtragend, dort war der Hund am wichtigsten“, sagt er.

165 weitere Schafe ließ er am Oberlauf der Ohe bei Spanharrenstätte weiden, als ihn am Samstagvormittag die Nachricht erreichte, ein Schaf mit heraushängenden Eingeweiden laufe außerhalb der ordnungsgemäß mit 90 Zentimeter hohen Elektronetzen eingezäunten Weide auf einem Feldweg. Schütte eilte zur Herde und fand tote und verletzte Tiere, um die er sich sofort kümmerte.

Schaf mit Kehlbiss

Wolfsberaterin Anika Börries hat den Fall untersucht. Wolfsberater fällen kein Urteil über den Verursacher eines Nutztierschadens, sie sichern Spuren. Und so hat Börries an der Weide eine 150 Meter lange Spur mit Trittsiegeln dokumentiert, die vom Wolf stammen könnten. Die Schafe wiesen zum Teil Kehlbisse auf, wie sie für den Wolf typisch sind. Börries hat DNA-Material gesichert und an ein Labor geschickt. Dort wird nun untersucht, ob sich Speichelspuren eines Wolfes feststellen lassen. Erst dann gilt der Riss als von ihm verursacht.

Großer Schaden

Wilhelm Schütte geht schon jetzt von einem Wolfsangriff aus. Er ist sich sicher, dass das Tier über den Zaun gesprungen ist, denn dieser sei in Ordnung gewesen und nicht untergraben worden.

Ob er vom Land Niedersachsen eine Entschädigung für die toten Tiere erhalten wird, hängt vom Ergebnis der DNA-Untersuchung ab. Schütte hat so oder so ein weiteres Problem: 100 Tiere dieser Herde hatte er verkauft. Anfang Dezember sollte per Ultraschall untersucht werden, welche tragend sind, und die wären dann an einen Interessenten gegangen, der damit Landschaftspflege betreiben wollte. „Er hatte schon 3000 Euro angezahlt. Aber als er am Sonntag gesehen hat, dass die Herde beim Anblick meines Hütehundes panisch reagierte, ist er vom Kauf zurückgetreten. Die Schafe sind traumatisiert.“ Wer ihm den entgangenen Verkauf entschädigt, weiß Schütte nicht.

Klare Forderungen

Ob der Wolf in Spahnharrenstätte nun der Verursacher war oder vielleicht ein Hund, spielt für den Schafzuchtverband derweil keine Rolle in der Bewertung der Rückkehr des Wolfes. „Wir sehen einfach kein Licht am Ende des Tunnels“, sagte Michael Gertenbach in Meppen. Denn derzeit könne oder wolle zum Beispiel niemand einschreiten, wenn ein Wolfsrudel im Raum Diepholz gelernt habe, selbst zwei Meter hohe Zäune zu überwinden und diese Fähigkeit mutmaßlich an ihre Nachkommen weitergebe.

Herdenschutz sei auf vielen Weiden nicht oder nur schwer möglich und koste enorme Summen, die die Schafhalter nicht erwirtschaften könnten – am Ende stünden sie vor unlösbaren Problemen. Die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft hat gerade errechnet, dass der Schutz aller Viehweiden im Land mit geeigneten Zäunen zwischen 240 und 413 Millionen Euro kosten würde. Und in Ostdeutschland halte ein Berufsschäfer allein 20 Herdenschutzhunde, die ihn mehr als 20000 Euro pro Jahr kosteten, sagte Gertenbach.

Hohe Kosten

Die Forderungen des Verbandes sind klar: „Es muss eine klare Regelung geben, ab wann man gegen einzelne Wölfe oder Rudel vorgehen kann“, sagte Heiko Schmidt. „Außerdem muss eine Bejagung dort stattfinden, wo Wölfe sich immer wieder an Nutztiere wagen. Und die Küsten und Flüsse mit ihren Deichen müssen wolfsfreie Zonen bleiben. Sie kann man nicht schützen.“

Erschienen am 29.11.2017 in der Ems-Zeitung

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