Populationsentwicklung beim Wolf – Fortschreibung für 2018/19

Ich kann immer noch nicht verstehen, warum die DBBW, die „Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf“ die Nachmeldungen nicht nachpflegt. Wer aber im Menü auf „Wolfsvorkommen“ klickt, sieht, dass die auf der Startseite veröffentlichten Zahlen von November 2018 längst überholt sind.

Leider gibt es nur aus Niedersachsen halbwegs aktuelle und transparente Daten. In Niedersachsen ist die Landesjägerschaft Niedersachsen e.V. ist vom Land Niedersachsen mit dem Wolfsmonitoring, also der wissenschaftliche Erfassung und Dokumentation der Rückkehr der Wölfe nach Niedersachsen, beauftragt. Bei einigen anderen Bundesländern sind die letzten veröffentlichten Informationen sogar noch aus 2015 (!).

Ich habe daher beschlossen, meine Berechnungen aus dem letzten Jahr fort zuschreiben. Zumal sie knapp unter der im Anschluss festgestellten Population lag.

Noch einmal zur Erinnerung:

Um zu Antworten zu kommen, ohne sich auf die Aussagen der unterschiedlichsten Interessengruppen verlassen zu müssen, habe ich die öffentlich vorliegenden, bestätigten und politisch abgestimmten Daten vom DBBW, die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf und www.wolfsmonitoring.com einzeln nach Bundesländern und Jahren in die Software gefüttert. Ich habe mich bei der Berechnung allein auf die nachgewiesenen Territorien für Rudel und Paare für das jeweilige Jahr beschränkt und diese je nach Bundesland eingegeben, weil in Deutschland natürlich jedes Bundesland anders zählt.

Ich habe wieder das Programm vom European Bird Census, TRIM (TRends and Indices for Monitoring data) genutzt. Der Algorithmus geht davon aus, dass nicht alle Daten vorliegen und das jeder Kartierer (Bundesland) etwas anders zählt. Also das, was man braucht, um aus mehr oder weniger vollständigen Daten brauchbare Prognosen abzuleiten. Deshalb gibt es standardmäßig einen Fehlerkoeffizienten, der ebenfalls in der Graphik dargestellt wird. Die Graphik habe ich mit den Zahlen aus dem Programm in einem modernen Programm für Tabellenkalkulation graphisch aufbereitet, weil es sonst nicht sehr leserlich ist.

Will man aus diesen Zahlen, wie auch aus denen des DBBW Schlüsse für die Gegenwart ziehen, ist immer zu beachten, dass das Monitoringjahr für den Wolf vom 01. Mai bis zum 30. April definiert ist, d.h. immer die Daten des vorangegangen Kalenderjahres wiedergegeben werden. Das DBBW bezieht sich auf die geschlechtsreifen, territorialen Tiere, die per DNA nachgewiesen wurden zum Zeitpunkt 2017/2018 (also am 30.4.2018). Die Zahlen für das Monitoring-Jahr 2018/2019 sind im Herbst 2019 zu erwarten.

Es wurden Territorien (von Rudeln und Paaren, ohne Einzeltiere) herangezogen, weil ich davon ausgehe, dass es Energie kostet, ein Territorium zu etablieren, es sich also „lohnen“ muss und weil ich weiter davon ausgehe, dass der Nachweis eines Rudels (also der Reproduktion) in etlichen Gegenden Deutschlands eher ein Zufallsbefund ist. Territoriale Einzeltiere wurden bei meiner Berechnung nicht berücksichtigt. Die Zahlen stammen bis 2017/2018 ausnahmslos vom DBBW ; für Niedersachsen wurden die Zahlen von www.wolfsmonitoring.com herangezogen, weil die DBBW ihre Daten nur sehr zurückhaltend aktualisiert.

Bestätigte Rudel und Paare (ohne Einzeltiere) vom DBBW.
Jahr / LandByBrbMeck.-Pom.NdsSSa.-Ah.Th.ΣZuwachs [%]
2000/01000010010 %
2001/02000010010 %
2002/03000010010 %
2003/04000010010 %
2004/0500003003200 %
2005/06000030030 %
2006/07000030030 %
2007/0801005006100 %
2008/090200510833 %
2009/100300510913%
2010/1105008101456 %
2011/12070110202043 %
2012/130101311503050 %
2013/140112512603620 %
2014/150182815905244 %
2015/16025310191206933 %
2016/17228416201208219 %
2017/183387242215 010933 %
2018/19339 7282615 0117?
2019/20 ? ? 7 28 28 ? 1 65?

Und nun?

Im Ergebnis kann man nach dieser Berechnung für 2018/19 mit etwa 135 Wolfsterritorien (inkl. der bereits nachgewiesenen) in Deutschland ausgehen +- 14, die bisher nicht erfasst wurden oder eventuell wieder verschwunden sind. Für das Monitoring-Jahr 2019/2020 erwartet TRIM schon etwa 170 Territorien (wobei der Fehler mit 20 hier schon deutlich höher angegeben wird). Weitere Daten (Chi-Quadrattest oder Signifikantstests für die Änderung der Entwicklungen, Changepoints) sind der Graphik zu entnehmen.

Man rechnet pro Rudel mit ca. 10 Tieren (inkl. Welpen). Da auch Territorien von Wolfspaaren (also Territorien, in denen nur zwei Tiere nachgewiesen werden konnten) in die Berechnung einflossen, sollte man von 8 Tieren pro Rudel ausgehen, um die Territorien ohne Reproduktion mit anzubilden. Zu den zwei erwachsenen Tieren eines Territoriums rechnet man immer noch ein statistisches drittes erwachsenes Tier außerhalb des Rudels zu, um die Vagabunden ohne Territorium mit abzubilden. Es sind also zwei Größen für die Fragestellung zusätzlich zur Anzahl der Territorien relevant: Die statistisch zu erwartenden erwachsenen Tiere und die statistisch zu erwartende Gesamtzahl der Tiere (inkl. Welpen). Den Rest der Berechnung überlasse ich dem Leser, um sich ein Bild von der Population der in Deutschland lebenden Wölfe zu machen. Nur soviel; inkl. Welpen kann man 2018/2019, unter den genannten Annahmen, bei 140 Territorien von ca. 1.120 Wölfen in Deutschland, bzw. ohne Welpen von etwa 420 adulten Wölfen ausgehen.

Es wird oft kritisiert, dass die Sterblichkeit nicht abgebildet würde. Das Gegenteil ist der Fall, denn trotz der Sterblichkeit der Tiere (v.a. Welpen und Jungtiere) reicht die Überlebensrate der Tiere immerhin für diese im Nachhinein durch DNA belegte Expansion der Wolfsterritorien, wie wir sie aktuell in den letzten Jahren mit erleben; zwischen 2008/2009 und 2017/18 entspricht das im Mittel einer jährlichen Zuwachsrate von rund 34 %, also mehr als einer Verdoppelung des nachgewiesenen Bestandes alle 3 Jahre. Eine Expansion einer Art wie im Lehrbuch! Allerdings sinkt die Zuwachsrate in Deutschland über den Gesamtzeitraum, weil natürlich die bestehenden Reviere auch i.d.R. dauerhaft besetzt sind.

Ohne auf die Daten der anderen EU-Länder über die sich diese Population erstreckt zurückzugreifen, muss man trotz der dünnen öffentlich verfügbaren Datenlage zu dem Schluss kommen, dass es sich mindestens in Deutschland um eine vitale, expandierende Population handelt. Die Politik ist nun damit gefragt, entsprechend sachlich damit umzugehen!

Äußerst unbefriedigend ist die mangelhafte Transparenz des Monitorings der meisten Bundesländer und der DBBW. Bis auf Niedersachsen veröffentlicht kein Bundesland halbwegs aktuelle Zahlen. Das hat mindestens ein „Geschmäckle“! Auf jeden Fall wird so eine sachliche Diskussion erschwert und Misstrauen gefördert!

Aktualisiert am 07.11.2019

Literatur / Datenquellen

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