Acht Jahre Wolfspopulationsbeobachtung mit TRIM
Als ich 2018 angefangen habe, die Entwicklung der Wolfspopulation in Deutschland anhand der veröffentlichten Territorien nachzurechnen, ging es mir eigentlich nur um eine einfache Frage: Wie entwickelt sich die Population aktuell? Damals kursierten die unterschiedlichsten Zahlen. Je nachdem, welche Pressemitteilung, welchen Verband oder welche Internetseite man aufschlug, lebten in Deutschland 150, 500, 800 oder 1.000 Wölfe. Für den normalen Bürger war kaum nachvollziehbar, wie diese Zahlen überhaupt zustande kamen. Die eigentliche Ursache war schnell gefunden. Es wurden genetisch nachgewiesene Einzeltiere, bestätigte Territorien und Bestandsschätzungen munter durcheinander geworfen. Acht Jahre später hat sich daran erstaunlich wenig geändert.
Ich habe mich von Anfang an auf die veröffentlichten Daten der Bundesländer und der DBBW gestützt und diese mit Hilfe von TRIM ausgewertet. Mein Problem war: Die Zahlen, über die öffentlich diskutiert wurde, waren häufig bereits viele Monate alt. Bei einer Population, die über lange Zeit Wachstumsraten von deutlich über 20 % pro Jahr aufwies, macht das einen erheblichen Unterschied. Wer im Herbst über ein Monitoringjahr diskutiert, das bereits im April des Vorjahres beendet wurde, spricht zwangsläufig über die Vergangenheit. Genau das hat mich damals dazu gebracht, die Entwicklung der Territorien fortzuschreiben.
Rückblickend überrascht mich vor allem eines: Die Prognosen mit TRIM haben die spätere Entwicklung der bestätigten Territorien wesentlich besser getroffen, als ich selbst erwartet hätte. Die Abweichungen lagen über viele Jahre hinweg meist nur bei wenigen Territorien und damit deutlich innerhalb der statistischen Unsicherheit. Für eine reine Trendanalyse auf Grundlage veröffentlichter Territorien ist das bemerkenswert.
Noch interessanter als die absoluten Zahlen ist allerdings, was die Auswertung über die Dynamik der Population zeigt. TRIM identifiziert dabei nicht nur ein dauerhaftes Wachstum, sondern auch eine deutliche Veränderung der Wachstumsraten. Zwischen 2001 und 2019 wuchs die Zahl der Wolfsterritorien im Mittel um rund 31,7 % pro Jahr. Für die Jahre 2019 bis 2021 reduzierte sich dieser Zuwachs bereits auf etwa 17,7 % jährlich. Seit 2021 liegt die statistisch ermittelte Wachstumsrate nur noch bei etwa 7,8 % pro Jahr. Keine Population wächst dauerhaft exponentiell. Territorien werden besetzt, geeignete Lebensräume knapper und die Dynamik flacht sich nach und nach ab. Die Auswertung zeigt inzwischen sehr deutlich, dass die deutsche Wolfspopulation die eigentliche Wiederbesiedlungsphase hinter sich gelassen hat und zunehmend Merkmale einer konsolidierenden Population aufweist.

Gerade deshalb wird die Frage nach der aktuellen Entwicklung wichtiger als jemals zuvor. Während man in den ersten Jahren praktisch jeden neuen Wolfsnachweis als Teil einer großräumigen Expansion interpretieren konnte, wird es inzwischen deutlich schwieriger. Stagnieren die Bestände regional? Werden Territorien wieder aufgegeben? Verlagern sich die Schwerpunkte der Verbreitung? Gibt es erste Anzeichen einer Sättigung in einzelnen Regionen? Genau diese Fragen wären heute spannend. Ironischerweise ist die Datengrundlage dafür aber nicht besser geworden.
Wir schreiben inzwischen Herbst 2026. Für das Monitoringjahr 2024/25 liegen aus mehreren Bundesländern noch immer keine vollständigen Daten vor. Das Folgejahr 2025/26 ist erst recht nicht vollständig veröffentlicht. Die aktuell sichtbaren Veränderungen in einzelnen Ländern sind deshalb praktisch nicht interpretierbar. Niemand kann seriös sagen, ob es sich um tatsächliche Bestandsänderungen handelt oder lediglich um einen unvollständigen Veröffentlichungsstand. Die derzeit sichtbaren Summen spiegeln deshalb nicht die tatsächliche Situation wider, sondern vor allem den Stand der bislang veröffentlichten Daten. Das war bereits 2018 eines meiner zentralen Probleme mit der Diskussion und daran hat sich bis heute wenig geändert.
Das eigentliche Problem liegt aus meiner Sicht aber inzwischen noch tiefer. Wolfsmonitoring lebt von Menschen, die Hinweise melden. Von Jägern, Forstleuten, Landwirten, Schäfern, Wolfsberatern und interessierten Bürgern. Genau hier sehe ich mittlerweile eine Entwicklung, die mir deutlich größere Sorgen bereitet als die Frage, ob Deutschland heute 280 oder 320 Territorien beherbergt. In Gesprächen vor Ort höre ich immer häufiger denselben Satz: „Warum soll ich das noch melden?“
Wer heute einen möglichen Wolfsnachweis meldet, wartet nicht selten Monate auf das Ergebnis. Zwischen Probennahme, genetischer Untersuchung, Auswertung, Bestätigung und Veröffentlichung können problemlos sechs Monate oder mehr vergehen. Häufig tauchen Hinweise nicht mehr im laufenden Quartalsbericht auf. Im nächsten Quartalsbericht gelten sie dann oftmals schon nicht mehr als aktuell. Öffentlich sichtbar werden sie vielfach erst wieder in den Jahresauswertungen oder im nächsten Monitoringbericht. Für viele Melder entsteht dadurch zwangsläufig der Eindruck, dass ihre Beobachtungen irgendwo in einem System verschwinden und keinen erkennbaren Beitrag mehr leisten.
Das halte ich mittlerweile für eine ernsthafte Gefahr für die Qualität des Monitorings. Denn die Wolfspopulation wird nicht nur durch Genetik erfasst. Sie wird vor allem durch tausende von Hinweisen sichtbar, die Menschen vor Ort liefern. Wenn diese Menschen aufhören zu melden, wird die Datengrundlage zwangsläufig dünner. Weniger Hinweise bedeuten weniger genetische Proben, weniger überprüfbare Beobachtungen und am Ende mehr Unsicherheit über die tatsächliche Entwicklung der Population. Paradoxerweise könnte ausgerechnet der Erfolg des Wolfsmonitorings dazu führen, dass die Datenqualität langfristig leidet, wenn diejenigen das Interesse verlieren, die einen erheblichen Teil dieser Daten überhaupt erst liefern.
Dabei ist der Wolf inzwischen kaum noch ein großes Medienthema. Die hitzigen Grundsatzdebatten sind weitgehend vorbei. Die Population entwickelt sich trotzdem weiter. Die eigentliche Herausforderung besteht heute aus meiner Sicht nicht mehr in der Rückkehr des Wolfes, sondern in der transparenten Darstellung seiner Entwicklung. Wer Akzeptanz erhalten will, braucht nachvollziehbare Daten. Nicht, um möglichst große oder möglichst kleine Zahlen zu produzieren, sondern damit Diskussionen auf einer gemeinsamen Datengrundlage geführt werden können.
Wenn ich auf acht Jahre Auswertungen zurückblicke, dann war die wichtigste Erkenntnis nie die Frage, ob in Deutschland 800, 1.500 oder 2.500 Wölfe leben. Die wichtigere Erkenntnis lautet, dass die Entwicklung der Population bereits seit Jahren sehr gut aus den Territorien ablesbar ist und dass Mindestnachweise, Territorien und Populationsgröße bis heute häufig miteinander verwechselt werden. Die Wolfspopulation in Deutschland ist längst keine kleine, isolierte Restpopulation mehr. Die spannendere Frage ist heute, wie sich eine etablierte Population weiterentwickelt.
Dazu brauchen wir aktuelle Daten. Vor allem aber brauchen wir weiterhin Menschen, die ihre Beobachtungen melden. Auch wenn manches lange dauert. Auch wenn Ergebnisse manchmal erst Monate später sichtbar werden. Auch wenn die Veröffentlichung häufig hinter der tatsächlichen Entwicklung zurückbleibt. Ohne diese Meldungen wird das Monitoring nicht besser, sondern schlechter. Die größte Gefahr für eine sachliche Diskussion über den Wolf ist nicht, dass zu viele Daten vorliegen. Die größte Gefahr besteht darin, dass irgendwann zu wenige Daten vorliegen.
Deshalb mein Appell an alle, die draußen unterwegs sind: Meldet weiterhin Wolfsnachweise. Meldet Spuren, Sichtungen, Risse und genetisch verwertbare Funde. Nicht für die nächste Pressemitteilung. Nicht für die nächste Schlagzeile. Sondern für die Datengrundlage selbst. Denn nur wenn genügend Menschen mitmachen, wird es auch künftig möglich sein, über tatsächliche Entwicklungen zu diskutieren und nicht über Vermutungen. Genau das war vor acht Jahren mein Anliegen. Und genau das ist heute wichtiger denn je.



