Nachdenkliches

Der letzte Hüne

In Vrees lebte vor etwa 100 Jahren ein großer gewaltiger Mann, der hatte so viel Kraft wie zehn andere. Eine Schwester hatte er, die war beinahe ebenso stark. Dieser Mann hieß Wille Beckmann und soll der letzte der Hünen gewesen sein. Beckmanns Wille war in seinen alten Tagen Schäfer. Das Alter hatte wohl seine Haare gebleicht und seinen Rücken krumm gemacht, aber er hatte noch Kraft für zehn andere. Es mochte ungefähr in der Zeit sein, als auf dem Gehlenberg (Neuarenberg) noch keine Häuser waren, auch war auf dem Neuscharrel (Bärenberg) noch kein Haus, denn sie kamen erst, als der große Brand 1821 in Scharrel gewesen war und viele von den abgebrannten Wohnplätze auf dem Bärenberge nahmen. Vor Zeiten war der Bärenberg und das ganze Schwarzemoor und auch, wo nun Gehlenberg liegt, gemeine Weide. Der Bärenberg gehörte den Saterschen, und der Gehlenberg gehörte den Hümmlingschen, aber so genau ging’s mit dem Weiden nicht zu, und die Hümmlingschen kamen oft auf das Satersche.

Nun war auch Beckmanns Wille einst auf dem Bärenberg mit seiner Schafherde. Oft hatten die Scharreler schon daraufgelauert, die Hümmlingschen beim Bein zu kriegen, aber immer waren sie ihnen noch entkommen, denn die Schafe waren darauf abgerichtet, und wenn der Schäfer nur pfiff, dann rannten die Schafe schon, dass sie weg kamen. Aber diesmal meinten die Scharreler doch, sie wollten den alten Wille wohl kriegen. Zwei von Scharrel hatten den ganzen Tag schon auf ihn gelauert und waren schon vor Tag ausgegangen und hatten sich in einem Graben verkrochen. Als Wille nun weit genug auf dem Bärenberg herauf war, gingen die beiden auf ihn zu und wollten ihm die Schafe nehmen.

Aber als er das merkte, sagte er: »Na, Jungens, will ji mi dei Schape nehmen, dat schal abers int Gode nich passeiren!«, und dann nahm er den dicken Stock, den er in Händen hatte, und schlug ihn stumpf ab, dass die Splitter herumflogen. Der Stock war wohl armsdick und noch dazu ein eichener. Als die beiden Scharreler das sahen, gingen sie schliep-sterts (eigentlich mit schleifendem Schweife wie ein retirierender Hund) weg und ließen Beckmanns Wille ruhig weiden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.